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Aalen ist eine Ja-Hochburg
Aalen stimmt mit 38,7 Prozent für
den Ausstieg, dennoch ist eine Mehrheit von 61,3 Prozent für
Stuttgart 21
Niedergeschlagene Stimmung im Camp der
Stuttgart-21-Gegner. Im Kocherkino tröstet man sich damit, alles
gegeben zu haben und freut sich über 38,7 Prozent für den
Ausstieg. Das Ergebnis will man akzeptieren. Werner Gottstein:
„Das Volk hat gesprochen." Bei der FDP-Wahlparty im „Quattro"
dagegen mehr oder weniger verhaltene Freude und Erleichterung.
RAFAEL BINKOWSKI
Aalen. Es ist eine traurige Runde im
Kocherkino in Aalen. Man hat sich an einem Tisch versammelt,
trinkt ökologisch korrekte Limonade oder auch mal ein Weizen.
Auf dem Boden klebt verloren ein „Oben-bleiben"-Button. Werner
Gottstein, der BUND-Vorsitzende und Spiritus Rector der
S-21-Gegner, sitzt am Laptop und zeichnet mit einem Edding die
Ergebnisse auf eine Tafel.
Schon schnell ist klar, dass nicht nur das Quorum verfehlt ist,
sondern auch eine deutliche Mehrheit mit Nein zum Ausstieg
gestimmt hat. „Das ist verloren, keine Frage", sagt Gottstein.
Die Enttäuschung ist mit Händen zu greifen. Noch am Vormittag
war er optimistisch gewesen, die Wahlbeteiligung war höher als
erwartet. „Für den Einsatz und das Geld, das wir investiert
haben, ist es schon etwas wenig", sagt er, „aber so ist die
Demokratie, manchmal verliert man."
Am Tisch sagt Sven Semmler, der den „Schwabenstreich" in Aalen
ins Leben gerufen hat: „Wir tragen es mit Würde." Hubert Königer
von der Linken hält sich an Stuttgarter Stadtteilergebnissen
fest: „Das legitimiert weitere Aktivitäten." Zudem wirft er den
Anhängern von Stuttgart 21 vor, „mit Lügen in den Anzeigen
gearbeitet" zu haben. Ein anderer meint frustriert: „Manchmal
ist das Volk eben doch irgendwie dumm."
Das ist aber eine Einzelstimme, die Mehrheit ist sich einig: Das
Ergebnis müsse man akzeptieren. Aber auch den Tiefbahnhof weiter
kritisch begleiten, genau darauf achten, wie sich die Kosten
entwickeln. Am Mittwoch ruft das Aktionsbündnis wie immer seit
über einem Jahr am Aalener Bahnhof noch zu einem
„Schwabenstreich", dann will man über das weitere Vorgehen
beraten.
Nur wenige Meter entfernt im „Quattro" in der Helferstraße macht
die FDP die einzige Wahlparty der Nein-Kampagne. Einer freut
sich ganz besonders. Günther Herb, der früher am
Regierungspräsidium gearbeitet hat. „Mein Freund Hans-Jürgen
Bohm hat 1990 ein städtebauliches Konzept für Stuttgart 21
ausgearbeitet", erzählt er, „jetzt wird es nach 21 Jahren
Wirklichkeit."
Huber: Jetzt muss Kretschmann Polizisten in den Park schicken
Der Aalener FDP-Vorsitzende Wilfried Huber ist weniger
zurückhaltend. „Das ist eine Riesenklatsche für die Grünen",
sagt er. Wenn der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann
jetzt Polizisten in den Schlossgarten schicken müsse, dann sei
das „schön, das freut uns." Huber vermutet, dieses werde schon
im Frühjahr die grün-rote Landesregierung zu Fall bringen.
Die Kreisvorsitzende Dr. Julia Frank sieht das differenzierter:
„Wir hoffen, dass es jetzt friedlich zugeht." Und dass auch die
„Parkschützer" den Volksentscheid akzeptierten. Sie erwartet
allerdings, dass die Grünen jetzt „klug und intelligent
handeln".
Keine Wahlparty macht die CDU. Deren Stadtrats-Fraktionschef Dr.
Karl Franke hat das Ergebnis schon geahnt: „Ich hatte das in der
Magengrube." Dennoch überrascht ihn die große Mehrheit der
Nein-Kampagne auf der Ostalb. Er freue sich und hoffe, dass das
Projekt nun zügig umgesetzt werde. Dass
Stuttgart 21 jetzt noch
an der Kostenfrage scheitern könnte, glaubt er nicht.
Richtig erleichtert ist Heidi Schroedter, die Aalener
SPD-Ortsvorsitzende. Sie war den ganzen Tag über Wahlhelferin:
„Ich hoffe, dass jetzt alle das Ergebnis anerkennen und wieder
auf anderen Feldern Politik gemacht wird." Positiv überrascht
hat sie die Wahlbeteiligung.
Ein versöhnliches Zeichen gibt es an diesem Abend: Befürworter
und Gegner sitzen zwar in verschiedenen Kneipen, trinken aber
Tee aus genau dem gleichen Kaffeeservice. Ein Anfang.
Das Volk hat gesprochen, und das
sollte es künftig häufiger tun
Der Streit um Stuttgart 21 ist
entschieden. Endgültig und eindeutig. Jetzt kann niemand mehr
behaupten, man habe das Volk nicht gefragt. Das Volk wurde
gefragt, und es hat mit deutlicher Mehrheit Nein zum Ausstieg,
und damit Ja zu Stuttgart 21 gesagt. Und auf der Ostalb ist das
Nein, das ein Ja ist, noch ein wenig lauter ausgesprochen
worden.
Dieses Ergebnis muss akzeptiert werden. Nicht nur formal, denn
bei einer doch für Volksentscheide relativ hohen Wahlbeteiligung
ist das Votum auch ein klares politisches Signal, dass die
Baden-Württemberger den Tiefbahnhof wollen. Auch wenn nicht alle
planerischen und rechtlichen Fragen geklärt sind. Deswegen
sollten dem Projekt keine bürokratischen Hürden gestellt werden.
Es ist eine Ironie der Geschichte, dass die Grünen auf dem Zenit
ihrer Macht genau das Projekt umsetzen, das sie wie kaum eines
seit den Protesten gegen Mutlangen oder Wackersdorf bekämpft
haben. Und das ihnen den Weg in die Villa Reitzenstein erst
ermöglicht hat.
Alle politischen Entscheidungsträger von Stuttgart bis Aalen
haben jetzt eine Verantwortung, den Konflikt friedlich
beizulegen, keine neuen Wunden zu schlagen. Nicht wie der
Aalener FDP-Vorsitzende Huber, der sich diebisch darüber freut,
dass der Ökopartei eine Zerreißprobe droht. Genau diese Art von
Arroganz hat die Proteste beflügelt, die stets mehr waren als
die Kritik an einem Bahnhof, sondern der Wunsch nach mehr
Partizipation und ein Appell an die Regierenden, weniger
selbstgerecht aufzutreten.
Man muss den Stuttgart-21-Gegnern, die einen großen Teil der
Bürgergesellschaft darstellen, Brücken bauen. Bei der
Ausgestaltung von Stuttgart 21 müssen die Bürger das Wort
bekommen. Und es müssen alle kritischen Fragen offen und
transparent geklärt werden, was bislang selten der Fall war.
Nicht zuletzt die Kostenfrage, die noch eine wichtige werden
könnte. Mehr als 4,5 Milliarden will niemand bezahlen, doch es
ist bei solchen Großprojekten nicht unwahrscheinlich, dass genau
diese Latte gerissen wird. Darüber wird es noch spannende
Diskussionen geben.
Über eine Konsequenz sind sich aber fast alle einig: Solche
Volksentscheide sollte es häufiger geben. Mit weniger formalen
und mathematischen Hürden. Das Nachbarland Bayern macht es vor,
das jahrzehntelang von der gleichen Partei regiert wird, aber
per Volksentscheid das Rauchverbot in Kneipen eingeführt und den
bayerischen Senat abgeschafft hat. Dann wäre der
Stuttgart-21-Protest nicht vergebens gewesen, sondern hätte die
politisch Verantwortlichen zum Umdenken gebracht.
Mancher hatte eine Wahlbeteiligung von 20 oder 30 Prozent
befürchtet. Jetzt liegt sie sogar über dem Wert, den
Volksabstimmungen etwa in Hamburg zur Bildungspolitik gehabt
haben. Und das ist
ein positives Signal.
Rafael
Binkowski
Analyse Aalener Ergebnis
Gesamtergebnis Aalen ist nach
Oberkochen (40,7 %) die Kommune mit den meisten Ja-Prozenten. Es
haben 8889 mit Ja, und 14 080 mit Nein gestimmt.
Gegner-Hochburgen Die meisten Stuttgart-21-Gegner sitzen in der
Weststadt mit 46,6 Prozent, gefolgt von der Kernstadt und
Wasseralfingen.
Befürworter-Hochburgen Die Projektfans haben in Ebnat eine
Dreiviertelmehrheit, auch Waldhausen stimmt mit 72,8 Prozent zu.
In allen Stadtbezirken gibt es eine klare Mehrheit für die
Nein-Kampagne.
Einordnung In Grünen-Hochburgen wie Kern- und Weststadt sind die
Gegner stark. CDU-Hochburgen wie das Härtsfeld stimmen treu für
S 21. Ländliche SPD-Hochburgen wie Unterkochen und Fachsenfeld
stimmen wie die SPD-Mehrheit, mit 67,4 Prozent. Die alte
SPD-Bastion Wasseralfingen tendiert eher zur Ja-Kampagne. bin
© Schwäbische Post 27.11.2011
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