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Landes-/Bundespolitik

 

Die zehn wichtigsten Argumente für die geplante Polizeistrukturreform

1. Baden-Württemberg soll auf Dauer eines der sichersten Bundesländer bleiben. Dies kann aber mit der bisherigen Struktur der Polizei nur dann gewährleistet werden, wenn in erheblichem Umfang Neustellen in Bereich der Polizei geschaffen würden (aus Sicht der Polizei: ca. 1.000). Dies ist mit Blick auf die (aktuelle) Haushaltssituation nicht vertretbar.

2. Gesellschaftliche Veränderungen, neue bzw. veränderte Aufgabenfelder der Polizei (z.B. Überwachung rückfallgefährdeter Sexualstraftäter, Bekämpfung politisch motivierter und Organisierter Kriminalität, Zunahme von Cyberkriminalität, zunehmende Gewaltbereitschaft in der Bevölkerung, Bewältigung großer Einsatzlagen wie etwa bei Stuttgart 21) und nur begrenzt zur Verfügung stehende Haushaltsmittel erfordern eine Anpassung der bestehenden Organisationsstruktur. Bislang ist die Polizei zu kleinteilig organisiert, dadurch gibt es zu viel Personal im Führungsbereich und in der Administration, die Unterschiede zwischen den einzelnen Polizeidirektionen in Bezug auf Größe, Leistungsfähigkeit und Flexibilität sind zu groß. Daraus ergibt sich erhebliches Optimierungspotenzial.

3. Die Strukturreform soll - anders als andere Reformen in der Vergangenheit - nicht dazu dienen, Stellen bei der Polizei einzusparen. Die bei der Umsetzung der Reform voraussichtlich freiwerdenden Stellen (errechnet wurden ca. 650 Stellen im Polizeivollzugsdienst und 240 Stellen beim Nichtvollzugspersonal) sollen vielmehr eins zu eins der Polizei erhalten bleiben zur Verstärkung der Basisdienststellen (Polizeireviere, -posten und Kriminalpolizei).

4. Wesentliches Ziel der Strukturreform ist es, die Präsenz der im Streifen- und Ermittlungsdienst eingesetzten Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten - zur belastungsorientierten Stärkung der Fläche und für die Erfüllung operativer Schwerpunkte wie Kriminalitätsbekämpfung und Verkehrssicherheitsarbeit - spürbar zu erhöhen und die Qualität der Erledigung polizeilicher Kernaufgaben weiter zu verbessern.

5. Die Vorschläge für die Strukturreform kommen aus der Polizei selbst und sind nicht das Ergebnis von Untersuchungen Außenstehender. Dadurch wird deutlich, dass die Polizei selbst einen dringenden und umfangreichen Reformbedarf sieht und dass alleine polizeifachliche Gesichtspunkte im Vordergrund stehen. Diese Vorgehensweise erhöht überdies die Akzeptanz der Reformvorschläge in der Polizei.

6. Die Reform dient nicht als Einstieg in eine allgemeine Verwaltungsreform. Sie ist eine reine auf den Bereich der Polizei bezogene Fachreform, die ausschließlich auf polizeifachlichen Aspekten basiert. Polizeiliche Einsatzlagen und Kriminalität orientieren sich nicht an Verwaltungsgrenzen.

7. Der ländliche Raum wird durch die Reform nicht geschwächt, sondern gestärkt. Für die Bürgerinnen und Bürger ist die schnelle und kompetente Reaktion durch die Polizei maßgebend und nicht die Nähe zur polizeilichen Leitungsebene. Dies wird durch die Verstärkung der Basisdienststellen, durch leistungsstarke Führungs- und Lagezentren sowie durch die Einrichtung sogenannter Kriminaldauerdienste bei den zwölf regionalen Polizeipräsidien erreicht. Damit stehen Schutz- und Kriminalpolizei der Bevölkerung landesweit rund um die Uhr zur Verfügung. Gerade dies bedeutet eine Stärkung der Fläche und des ländlichen Raums.

8. Auch wenn sich Strukturen, Bezeichnungen und im Einzelfall auch Ansprechpartner ggf. ändern werden, wird die Polizei auch zukünftig ein verlässlicher, konstruktiver und kompetenter Ansprechpartner in allen Sicherheitsfragen bleiben und eine durchgängige Vernetzung mit den kommunalen Entscheidungsträgern garantieren. Da die Struktur der Polizeireviere und -posten beibehalten wird, bleiben die unmittelbaren Ansprechpartner vor Ort erhalten.

9. Mit der angestrebten Konzentration der Polizeidienststellen ist trotz evtl. notwendiger Anschubfinanzierung mittelfristig mit einer deutlichen Reduzierung der notwendigen Investitionen und der laufenden Betriebskosten etwa im Bereich kostenintensiver Leitstellentechnik (Digitalfunk) in mehrstelliger Millionenhöhe zu rechnen.

10. Die Schaffung der drei Präsidien „Einsatz", „Technik, Logistik, Service" sowie „Bildung und Personalgewinnung" dient der Bündelung von Kompetenzen sowie der Erzielung von Synergien in diesen Bereichen.

Das Präsidium Einsatz soll den regionalen Polizeipräsidien, dem Landeskriminalamt und den Polizeien des Bundes und anderer Länder sämtliche einsatzunterstützenden Kompetenzen für den Ernstfall aus einer Hand bieten. Im Präsidium Technik, Logistik, Service werden die verschiedenen Zuständigkeiten und Aufgaben im Bereich der kostenintensiven Polizeitechnik bzw. sich rasch wandelnder Informations- und Kommunikationstechnik gebündelt. Die polizeiliche Organisation von Aus- und Fortbildung sowie Nachwuchsgewinnung mit den bislang drei Bildungseinrichtungen wird zu einem einheitlichen Bildungsträger (Präsidium Bildung und Personalgewinnung) zusammengefasst.

Mehr Volksbeteiligung leben

Jochen Wiemken • 25. Januar 2012

(Bild: dpa)

Die SPD will ihr Regierungsprogramm für die Bundestagswahl 2013 unter Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern erarbeiten. Interessierte werden sich im Internet, in Straßenbefragungen oder in Bürgerversammlungen daran beteiligen können. Das kündigt Parteichef Sigmar Gabriel im Vorfeld der Vorstandsklausur am Wochenende an.

Viele Menschen wollen heute mehr denn je direkt an politischen Prozessen beteiligt werden. Durch die beim Parteitag im Dezember 2011 beschlossene Parteireform haben Parteimitglieder weitaus mehr Entscheidungsmöglichkeiten und –rechte als zuvor. Aber auch interessierte Bürgerinnen und Bürger ohne Parteibuch können sich in der Sozialdemokratie nun direkter beteiligen.

Im Vorfeld der am Wochenende stattfindenden Klausur des SPD-Parteivorstandes kündigt Parteichef Sigmar Gabriel im 
Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung (Mittwoch) an, die Partei wolle diesen Weg konsequent fortsetzen. Wie können wirtschaftlicher Erfolg mit sozialer Gerechtigkeit verbunden werden? Wie können faire Löhne erreicht und wie kann wachsender Altersarmut begegnet werden? „All diese Fragen wollen wir unter möglichst großer Beteiligung der Bevölkerung beantworten", so Gabriel.

Interessierte Bürgerinnen und Bürger sollen an der Erstellung des SPD-Regierungsprogramms für die Bundestagswahl 2013 direkt mitwirken können. „Zum ersten Mal in ihrer 149-jährigen Geschichte wird die SPD ihr Regierungsprogramm für die Bundestagswahl 2013 im Rahmen einer Volksbeteiligung aufstellen."

Gabriel erinnert daran, dass die SPD wichtige gesellschaftliche Herausforderungen bereits in den letzten beiden Jahren in Zukunftswerkstätten mit Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft und in Bürgerforen diskutiert habe. „Es ist ganz lustig, dass die Kanzlerin diese Idee gerade kopiert und mit viel Tamtam öffentlich ankündigt", so Gabriel. Merkel stellte vor kurzem einen „Zukunftsdialog" mit Bürgerinnen und Bürgern in Aussicht.

Die SPD gehe allerdings einen Schritt weiter, stellt Gabriel fest. „Wir werden die in diesen Zukunftswerkstätten erarbeiteten Ideen direkt mit allen interessierten Bürgern diskutieren", verspricht er. Interessierte könnten sich im Internet, bei Straßenbefragungen oder Bürgerversammlungen am Regierungsprogramm der SPD beteiligen. „Und am Ende werden wir alle Menschen zu einem Bürgerparteitag einladen, auf dem wir das Regierungsprogramm vorstellen."

Gabriel will rot-grüne Bundesregierung

Um der Verdrossenheit der Menschen über Politik und Politiker entgegenzutreten, werde die SPD bei der kommenden Wahl weniger versprechen als in früheren Jahren. „Aber was wir versprechen, halten wir dann auch", betont der Parteivorsitzende. Die SPD wolle mit der Bundestagswahl 2013 eine Mehrheit gewinnen, um die soziale Spaltung in Deutschland zu bekämpfen. „Wir wollen wirtschaftlichen Erfolg und wirtschaftliche Dynamik erhalten und ausbauen, aber mit sozialem Zusammenhalt und ökologischer Nachhaltigkeit verbinden", sagt Gabriel. Dazu gehöre auch das Ziel, Schulden abzubauen und die Schuldenbremse einzuhalten. „Für diese Politik haben SPD und Grüne die größten Schnittmengen. Deshalb wollen wir eine von der SPD geführte rot-grüne Bundesregierung."

Wenig berechenbar sei hingegen die Linkspartei, „das sind in Wahrheit zwei Parteien, die eine Zwangsehe eingegangen sind: zwischen Pragmatikern und Sektierern", so Gabriel. Diese Zerrissenheit mache eine Koalition auf Bundesebene unmöglich. „Das wäre für Deutschland unverantwortlich."

Gesetzgebung via Internet

Staatsrätin stellt Fahrplan zur Stärkung der Bürgerbeteiligung vor

Grün-Rot will in diesem Jahr die Bürgerbeteiligung stärken. Staatsrätin Gisela Erler hat dazu am Dienstag einen Fahrplan vorgestellt. Manches Vorhaben ist bereits konkret, Vieles indes noch im Ungefähren.

ROLAND MUSCHEL

Vollbesetzter Hörsaal: Wissenschaftsministerin Bauer will den Studierenden wieder ein ordentliches Mitspracherecht geben - und Studenten und Hochschulen schon beim Gesetzgebungsverfahren mit einbeziehen. Foto: dpa

Vor 45 Jahren ist in Baden-Württemberg die Verfasste Studierendenschaft abgeschafft worden. In diesem Jahr nun will Grün-Rot den Studierenden an den Hochschule im Land wieder ein organisiertes Mitspracherecht auf gesetzlicher Grundlage geben - und sie sogar schon beim Gesetzgebungsverfahren beteiligen.

Im Internet hat das Wissenschaftsministerium deshalb unter der Web-Adresse 
www.wir-wollen-deinen-kopf.de ein 'Diskussionsforum' freigeschaltet. Frühzeitig sollen so die Studierenden und die Hochschulen einbezogen werden. Spannend dürfte die Debatte ab dem 7. Februar werden. Dann wird der Gesetzentwurf von Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) im Kabinett beraten. Anschließend geht der Entwurf ins übliche Anhörungsverfahren, bei dem etwa Verbände und Gewerkschaften Stellung nehmen können. Zugleich wird er aber auch auf die Online-Seite bis zum 3. März allen Bürgern zur Diskussion gestellt.

Fragen, über die es mitzuentscheiden gelte, gebe es zuhauf, sagte Bauer. 'Ist ein parlamentarisches oder basisdemokratisches Modell der Studentenvertretung vorzuziehen?', könne eine Frage sein. 'Wie kann der Umgang mit dem Geld in der Verfassten Studierendenschaft transparent geregelt werden?', eine andere.

'Die in den Foren gesammelten Ansichten und Meinungen werden ausgewertet und im Rahmen des Gesetzgebungsverfahrens berücksichtigt', versprach die Ministerin. Wenn sich dann der Landtag im Mai oder Juni mit dem Vorhaben beschäftigt, sollen auch die Vorstellungen der Studierenden im Gesetzestext ihren Widerhall finden.

Das von Grün-Rot als 'erstes internetgestütztes Gesetzgebungsverfahren' gefeierte Vorgehen dient der Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung, Gisela Erler, als 'gelungenes Beispiel für die neue Form der Bürgerbeteiligung in Baden-Württemberg'. Es ist einer der diesjährigen Schwerpunkte der Landesregierung bei ihrem Vorhaben, die Bürgerbeteiligung im Land zu stärken.

Ein weiterer Fokus soll dabei auf der besseren Vorbereitung der Verwaltung auf neue Mitspracherechte und -möglichkeiten der Bevölkerung liegen. Auf die 'Haltung' der Beamten und Behörden komme es im Kern an, sagte Erler. Daher sollen etwa die Führungsakademie des Landes und die Verwaltungshochschulen ihre Aus- und Weiterbildungsprogramme gezielt auf den Schwerpunkt Bürgerbeteiligung ausrichten - und das in Kooperation mit der Wirtschaft. Bislang, so Erler, sei es noch allzu oft so, dass Vertreter der Wirtschaft nicht mit der Verwaltung reden könnten - 'und beide nicht mit dem Bürger'.

Zudem will Erler bis zum Sommer einen Leitfaden für eine neue Planungs- und Beteiligungskultur erarbeiten. Zu den Vorhaben gehört auch ein für den 22. Mai terminierter Kongress mit Praxisbeispielen und einer Qualifizierungsoffensive verschiedener Bildungsträger für mehr Bürgerbeteiligung.

Noch in der politischen Debatte ist die geplante Absenkung des Quorums für Volksabstimmungen. Dazu habe es erste Gespräche mit CDU und FDP gegeben. Bislang ist ein Volksentscheid nur erfolgreich, wenn ihm neben einer Mehrheit der Abstimmenden auch mindestens ein Drittel aller Wahlberechtigten zustimmt. Grün-Rot würde das Quorum am liebsten ganz abschaffen. Da für eine entsprechende Verfassungsänderung aber eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Landtag notwendig ist, kann die Regierung eine Reform nicht im Alleingang beschließen. 'Wenn wir versuchen wollen, das mit der Opposition zu lösen, wird es sicher kein Null-Quorum geben', sagte Erler. Sie persönlich könne sich auch eine Absenkung auf 20 Prozent - diese Zahl hatte die FDP ins Spiel gebracht - vorstellen. Sie wolle aber für eine möglichst niedrige Hürde werben und dafür mit der Opposition nach Bayern fahren. Im schwarz-gelb regierten Freistaat gilt für Volksentscheide kein Quorum.

© Schwäbische Post 25.01.2012

'Keinen verloren geben'

Land will Langzeitarbeitslose mit zehn Millionen Euro fördern

Obwohl in Baden-Württemberg fast Vollbeschäftigung herrscht, gibt es 60 000 Langzeitarbeitslose. Die Landesregierung setze deshalb auf Förderprogramme, sagt Sozialministerin Katrin Altpeter.

SWP

Sozialministerin Katrin Altpeter: Arbeit finanzieren, nicht Arbeitslosigkeit.

Die grün-rote Landesregierung will in diesem Jahr rund zehn Millionen Euro investieren, um Langzeitarbeitslose über neue Förderprogramme in Lohn und Brot zu bringen. 'Wir dürfen da keinen verloren geben', sagte Sozialministerin Katrin Altpeter (SPD) am Dienstag in Stuttgart. Zielgruppe seien vor allem Alleinerziehende, Menschen mit ausländischen Wurzeln und Schulabbrecher. Zwar herrsche in Baden-Württemberg nahezu Vollbeschäftigung, doch noch immer gebe es 60 000 Langzeitarbeitslose. Das sind rund 60 Prozent der Menschen im Land, die keine bezahlte Arbeit haben.

Die Landesregierung will aus diesem Grund unter anderem die finanzielle Unterstützung der Arbeitslosen in einen Zuschuss für einen Arbeitsplatz umwandeln. 'Wir wollen die Aufnahme von Arbeit finanzieren und nicht Arbeitslosigkeit', erklärte Altpeter das neue Konzept 'Passiv-Aktiv-Tausch'. Ein Hartz-IV-Empfänger, der einen der 500 Jobs bekommen soll, würde mit rund 1360 Euro netto knapp 500 Euro mehr bekommen, sagte die Sozialministerin. Die SPD-Politikerin befürchtet nicht, dass damit reguläre Arbeitsplätze verdrängt werden könnten.

Ein zweiter Baustein des Konzepts 'Gute und sichere Arbeit' ist die Förderung einer Ausbildung von Alleinerziehenden und Migrantinnen zum Beispiel zur Krankenschwester oder Altenpflegerin. Außerdem hat die Bundesagentur für Arbeit festgestellt, dass Hartz-IV-Empfänger, die einen Job gefunden haben, schnell wieder arbeitslos werden. Hier will das Land mit einer Begleitung Abhilfe schaffen. 400 Personen sollen in den Genuss dieser Hilfe kommen. Kostenpunkt: zwei Millionen Euro.

Darüber hinaus sollen regionale 'Beschäftigungsförderer' eingesetzt werden, die als Netzwerker zwischen Bundesagentur und Arbeitgebern fungieren sollen. Daneben sollen sie auch Hartz-IV-Empfänger konkret unter die Arme greifen, etwa beim Ausfüllen von Formularen. 'Nicht alle kommen mit den Dschungelverhältnissen klar.'

Die SPD-Generalsekretärin Katja Mast jubelte, mit diesem Programm sei ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg Baden-Württembergs zum Musterland für gute Arbeit und gute Wirtschaft erreicht. 'Das ist SPD pur.' Mast ergänzte: 'Dieses Förderprogramm hätte es unter Schwarz-Gelb nie und nimmer gegeben.' lsw

© Schwäbische Post 11.01.2012

Land wertet Erzieherberuf auf

Erstmals Vergütung von Auszubildenden geplant - 'Kita-Gipfel' im Januar

Die Landesregierung in Stuttgart arbeitet an einem 'Masterplan', um Engpässe im Erzieherbereich zu vermeiden. Bald beginnt die duale Ausbildung.

ROLAND MUSCHEL

Die baden-württembergische Landesregierung will den Erzieherberuf aufwerten. 'Wir beginnen im Sommer 2012 an ersten Standorten mit der Einführung einer dualen Ausbildung für Erzieherinnen und Erzieher', kündigte Kultus-Staatssekretär Frank Mentrup gegenüber der SÜDWEST PRESSE an. Damit wird die Ausbildung erstmals vergütet. Die Vergütung während der dualen Ausbildung soll sich an der von Verwaltungsfachangestellten orientieren. Diese erhalten im ersten Ausbildungsjahr 703 Euro, im zweiten 753 Euro und im dritten 799 Euro pro Monat.

Die Neuerung, hofft Mentrup, könnte auch Migrantinnen und junge Männer anlocken. Bislang ist die Ausbildung rein schulisch, so dass angehende Erzieherinnen und Erzieher in dieser Zeit kein Gehalt bekommen und sogar oft noch Schulgeld zahlen müssen.

Der SPD-Politiker will 'aber noch an weiteren Stellschrauben drehen'. Für den 27. Januar hat er Vertreter der Kita-Träger, der Gewerkschaften und der Wissenschaft zu einem 'Kita-Gipfel' ins Kultusministerium geladen. Die Ergebnisse sollen bis spätestens März 2012 in einen 'Masterplan' des Landes gegen den drohenen Fachkräftemangel im Kleinkindbereich münden.

Neben der Einführung der dualen Ausbildung schwebt Mentrup vor, die Zugangshürden für Quer- und Wiedereinsteiger in den Beruf zu senken. Unter anderem will der Staatssekretär mit der Bundesagentur für Arbeit reden, damit Wiedereinsteiger
leichter als bisher an Qualifizierungsmaßnahmen für die Rückkehr in den Erzieherberuf teilnehmen können. Zudem soll der Arbeitsplatz Kindertagesstätte 'insgesamt attraktiver werden'. Hintergrund der Bemühungen sind Befürchtungen, dass ein Mangel an Erzieherinnen und Erziehern den beschlossenen Krippenausbau ausbremsen könnte. Ab Juli 2013 haben alle Eltern eines Kindes, das älter ist als ein Jahr, einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz.

Derzeit sind weit mehr als 90 Prozent der Mitarbeiter im Erziehungswesen weiblich. Das Tarifgehalt für Berufsanfänger liegt im öffentlichen Dienst bei 1800 Euro brutto im Monat, nach zehn Berufsjahren bei 2400 Euro. Private Träger zahlen oft deutlich weniger.

© Schwäbische Post 09.01.2012

 

Unterricht in Lerngruppen statt Klassen

Norbert Zeller, der Leiter der Stabsstelle Gemeinschaftsschule im Kultusministerium, sprach über die Schulreform

Eine Schule für alle, für Mathe-Asse, schwächere Schüler, behinderte und nicht behinderte Kinder. Norbert Zeller, der Leiter der Stabsstelle Gemeinschaftsschule im baden-württembergischen Kultusministerium, sprach auf Einladung des SPD-Ortsvereins Fachsenfeld-Dewangen zur Schulreform der grün-roten Landesregierung. In der Waldschenke in Affalterried schloss sich daran eine Diskussion mit Kommunalpolitikern und Vertretern von Schulen an.

KATHARINA SCHOLZ

Norbert Zeller, Leiter der Stabsstelle Gemeinschaftsschule im Kultusministerium, sprach auf Einladung des SPD-Ortsvereins Fachsenfeld-Dewangen in der „Waldschenke". (Foto: opo)

Aalen-Affalterried. Die Werkrealschule war für Norbert Zeller nur ein „Türschildaustausch". Jetzt darf der Sonderschulpädagoge, der zuvor bildungspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Landtag war, im Kultusministerium an einer Schulreform mitarbeiten, die er für deutlich sinnvoller hält. Die Gemeinschaftsschule als Schule für alle. Stärkere wie schwächere Schüler, behinderte wie nicht behinderte.
„Von der Vorstellung, alle Schüler in der Klasse machen das Gleiche, mit der gleichen Methode zur gleichen Zeit, müssen wir uns verabschieden", sagte Zeller. Unterricht soll weniger im Klassenverband, sondern mehr in heterogenen Lerngruppen stattfinden. Lehrer aus allen Schularten sollen jeden Schüler individuell fördern. Und je nach dessen Möglichkeiten könne der Schüler in der Neunten den Hauptschulabschluss machen, in der Zehnten den Realschulabschluss und in der 13. Klasse das Abitur.
Zellers Argumente pro Gemeinschaftsschule leitet er aus eigenen Erfahrungen mit Modellprojekten ab. Doch zitierte er auch die StEG-Studie, derzufolge Schüler in Gemeinschaftsschulen bessere Leistungen erbrächten und im sozialen Bereich mehr lernten und weniger Konkurrenzverhalten zeigten.
Zeller hofft, dass der Landtag im April 2012 eine Änderung des Schulgesetzes verabschieden kann. Dann könnten Schulen zur Gemeinschaftsschule werden, keine Schule werde aber dazu gezwungen. Um Gemeinschaftsschule zu werden, müssten Schulträger (in der Regel die Gemeinden) einen Antrag stellen, die Schulkonferenz (Vertreter von Lehrern, Schülern und Eltern) zustimmen und die räumlichen Gegebenheiten passen. „Weil die Gemeinschaftsschule als Ganztagsschule funktioniert, gehört eine Mensa dazu", sagte Zeller.
Neu in der Bildungspolitik im Ländle ist, dass die Schulempfehlung nach der Grundschule entfällt und Eltern die Wahl haben, welche weiterführende Schule ihre Kinder besuchen sollen – unabhängig von Noten.
In der Diskussion ging es vor allem um die Frage, ob und wie behinderte und nicht behinderte Schüler zusammen lernen können. Ursula Mutscheller, im Dewanger Ortschaftsrat und beim Verein „Gemeinsam leben – gemeinsam lernen" engagiert, kritisierte das bisherige, gegliederte Schulsystem in Regelschule und Sonderschule: „Ein Kind, das nicht reinpasst, kommt einfach weg." Es sei bis jetzt ein harter, steiniger Weg für alle Eltern gewesen, die ihr behindertes Kind nicht auf die Jagsttalschule nach Westhausen schicken wollten.
Werner Weichselgärtner vom SPD-Ortsverein Wasseralfingen merkte an, er könne sich nicht vorstellen, wie ein sehr schwer behindertes Kind, das nicht kommunizierten kann, in eine Regelklasse integriert werden könne.
Zeller betonte, dass Eltern mit der Bildungsreform frei entscheiden können, auf welche Schule ihr Kind geht, unabhängig von der Schwere einer etwaigen Behinderung. In Villingen-Schwennigen liege ein behinderter Junge hinten im Klassenzimmer in einem Bett, nannte er ein Beispiel. Der Junge könne nicht sprechen, ließe dafür aber immer wieder Schreie los. „Da habe selbst ich als Sonderschulpädagoge im ersten Moment gedacht, ob das die anderen Kinder nicht stört", sagte Zeller. Doch dann habe er gesehen, was für eine ausgeglichene Atmosphäre in der Klasse geherrscht habe. Viele der Mitschüler hätten immer wieder nach dem Jungen gesehen und ihn gestreichelt. „Natürlich müssen hier auch die therapeutischen Ansprüche für behinderte Kinder in einer Gemeinschaftsschule erfüllt werden", sagte Zeller. Das sei alles eine Frage der Organisation. „Die Schule muss sich an ihre Schüler anpassen und nicht umgekehrt."

© Schwäbische Post 04.12.2011

 

 

      

 

 

 

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